Welterbe Großregion

Welterbe Großregion

  1. Eva Mendgen : Sharing Heritage (Text) mit Kai Loges : Spirit of Europe (Fotofilm) [ Saarbrücken 2018]
  2. Wolfgang Niesen (Arbeitsgruppe Großregion, Universitäten Saarbrücken, Trier und Lothringen) : Welterbe Nancy, Fotoimpressionen einer Studienfahrt im Sommer 2019

 

  1. Sharing Heritage

180 Staaten haben die von der Organisation der Vereinten Nationen für Bildung, Wissenschaft und Kultur (UNESCO) aufgestellte Welterbekonvention („Übereinkommen zum Schutz des Kultur- und Naturerbes der Welt“) 1972 gemeinsam verabschiedet. Unterzeichnet wurde sie auch von jenen vier Staaten, die in der Großregion auf nachbarschaftlicher und regionaler Ebene zusammenarbeiten: Frankreich, Deutschland, Luxemburg und Belgien. Im Sinne der Konvention wurden in der multilateralen Großregion 1981 bis 2016 nicht weniger als vierzehn Welterbestätten ausgewiesen, ein breites Spektrum, das von der Steinzeit bis ins 20. Jahrhundert reucht. Entsprechend den „Richtlinien für die Durchführung des Übereinkommens zum Schutz des Kultur- und Naturerbes der Welt“ sind hier bis auf eine Ausnahme alle „Güter“ der Kategorie „Kulturerbe“ und „Gemischtes Kultur- und Naturerbe“ vertreten:  Denkmäler, Ensembles sowie Kulturlandschaften, historische Städte, Stadtzentren und Kanäle (Wasserstraßen).[1]

 

Buchplakat „Welterbe Großregion – Le Patrimoine Mondial de la Grande Région“, Hrsg. Eva Mendgen für den Verein Kulturraum Großregion / L’association espace culturel de la Grande Région und die Staatskanzlei des Saarlandes, Abteilung Kultur, Saarbrücken + Luxembourg, regiofactum 2010

Chronologie 1981 – 2014 (Karte)

Seit 1981 gehört der Kaiserdom von Speyer zum UNESCO-Welterbe der Großregion, 1983 folgten das Ensemble barocker Platzanlagen in Nancy und 1986 die neun antiken und mittelalterlichen Baudenkmäler in Trier. 1994 wurde zum ersten Mal einem Industriedenkmal der Rang eines Welterbes zugesprochen, der Völklinger Hütte im Saarland; gleichzeitig erhielten die Altstadt und die Festungsanlagen der Stadt Luxemburg den Welterbestatus, 1998 waren es die vier Schiffshebewerke am Canal du Centre in Wallonien, 1999/2000 die sechs wallonischen Belfriede, im Jahr 2000 kamen die Kathedrale von Tournai und die jungsteinzeitlichen Feuersteinminen in Spiennes (Mons) hinzu.2002 wurden die Kulturlandschaft Oberes Mittelrheintal und 2005 die Grenzen des römischen Reichs, der Obergermanisch-Raetische Limes gelistet, 2008 schließlich Longwy in Lothringen als eine der ingesamt zwölf Festungsanlagen Vaubans. 2012 kamen die vier Zechen Grand-Hornu, Bois-du-Luc, Bois-du-Cazier und Blegny-Mine in Wallonien dazu, 2016 das architektonische Werk von Le Corbusier als erste transkontinentale Welterbestätte, unter anderem mit der Textilfabrik in Saint Dié.

 

Spirit of Europe, Fotofilm mit Impressionen zu den Stätten des UNESCO-Weltkulturerbes. Die hier zu einer Dia-Schau zusammengefassten Fotografien entstanden auf gemeinsamen Reisen durch die Großregion von Loges, Langen und Mendgen in den Jahren 2006 – 2012, copyright die arge lola / regiofactum, 2018

 

Kerneuropa

„Fraglos ist Europa nur als Erinnerungs- und Erfahrungsgemeinschaft denkbar – mit der Besonderheit, dass es Erinnerungen sind, die uns gründlich genug trennen mussten, bevor sie uns verbanden, und dass die Erfahrungen solche von Gegensätzen waren, die unüberwindlich schienen.“ (2) Adolph Muschg, „Kerneuropa“, in: Allmende 72/2003, S.12

Die Welterbestätten sind die touristische „Leuchttürme“ der Großregion, in der Politiker wie Luxemburger Jacques Santer das historische „Kerneuropa“ sehen. Eben dieses Gebiet gilt heute als größtes militärisches Freilichtmuseum der Welt, ein Kulturgut, das der Krieg erschuf (Anja Reichert-Schick).(3) Es ist gleichzeitig ein Paradebeispiel für den gelungenen Aufbau Europas nach 1945, den Friedensprozeß, der mit der Gründung der Montanunion eingeleitet wurde und der sich bis heute in der Europäischen Union fortsetzt, die 2012 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde.

Kulturhauptstadt

In Anbetracht ihrer Bedeutung für das Gelingen des europäischen Projektes lenkt die  Europäische Kommission die Aufmerksamkeit immer wieder auf ihre Grenzregionen und deren Entwicklung. So öffnete sich im Rahmen der Kulturhauptstadt Europas „Luxemburg und Großregion“ 2007 der Blick erstmals auf eine in ihrer gesellschaftlichen, historischen, wirtschaftlichen, kulturellen und landschaftlichen Vielschichtigkeit noch weitgehend unbekannte Kulturlandschaft, den zu einer Großregion zusammengewachsenen Grenzraum oder Raum der Grenze (Christian Wille) Saarland-Lothringen-Luxemburg-Rheinland-Pfalz-Wallonien.(4)

Sharing Heritage

2018 rief die Kommission im Rahmen ihres europäischen Kulturerbejahres unter dem Motto „Sharing Heritage“ dazu auf, die nationale Sichtweise auf das kulturelle Erbe um die nachbarschaftliche Perspektive zu erweitern. (5) In diesem Sinne stehen die Welterbestätten der Großregion für eine Vielzahl von Beziehungen über nationale, regionale und lokale Grenzen hinweg. Sie sind das Zeugnis ebenso regen wie fruchtbaren Kulturaustauschs und stehen für eine „Kulturerbengemeinschaft“, die sich trotz – oder wegen – der zahlreichen, politisch motivierten Grenzverschiebungen und Kriegshandlungen zu behaupten wusste. Nicht wenige Kulturschaffenden in der Großregion verstehen sich heute nicht von ungefähr als „Brückenbauer“ und machen eine Art „identité transfrontalière“ aus. Alle vierzehn Welterbestätten der Großregion erhalten mit Blick auf ihre geografische Lage, die immer einen Bezug zur „Grenze“ nahelegt, eine besondere Bedeutung.

Grenzprovinzen

Wenn ich jetzt hier für meine Region den Begriff Provinz verwende, der aus der römischen Verwaltungsterminologie stammt, dann spreche ich mit den römischen Wurzeln in mir von einer spannenden ländlichen Gegend, die wie kaum eine andere als das Herz Europas gelten darf. Alles was Europa durchlebt (hat), kennt diese Gegend: Annexion, Abgrenzung, Hinnehmen, Annehmen… Rhein und Mosel sowie deren Nebenflüsse stehen für Auseinandersetzungen, Handelsbeziehungen und auch mentale Beweglichkeit.“

Mana Binz, Künstlerin, Lieser an der Mosel 2013 (6)

Das Gebiet zwischen Saar, Mosel, Maas und Rhein war schon im ersten Jahrhundert eine Grenzregion. Der Limes trennte die linksrheinisch gelegene römische Provinz Gallia Belgica und die rechtsrheinisch gelegenen Provinzen Germania inferior und Germania superior  vom sogenannten freien Germanien. Der als heute als „Obergermanisch-Raetischer Limes“ bekannte, 550 km lange Grenzabschnitt des Römischen Reiches schützte die Landverbindung zwischen den Grenzflüssen Rhein und Donau. Er beginnt in Rheinbrohl am rechten Rheinufer im heutigen Rheinland-Pfalz. Der Rhein, neben Maas, Mosel und Saar einer der vier maßgeblichen Flüsse der Großregion, war immer wieder strategische Grenze zwischen Ost und West: Das Obere Mittelrheintal, ausgehend von Koblenz („Confluentes“), gehört seit 2002 als Kulturlandschaft zum Welterbe der Menschheit. Seit dem ersten Jahrhundert vor Christus war es Teil der römischen Grenzprovinz, ab dem 9. Jahrhundert ein Zentrum des Heiligen Römischen Reichs deutscher Nation. Nach einer langen Friedensperiode wurden hier die politischen Konflikte zwischen Frankreich und Deutschland bis weit ins 20. Jahrhundert hinein militärisch ausgetragen.

Hauptstadt der Provinz Gallia Belgica im linksrheinischen Hinterland des Limes war „Augusta Treverorum“, das heutige Trier, das vorübergehend Hauptstadt des weströmischen Reichs gewesen ist. Während die Grenzanlagen des Limes heute rekonstruiert sind, sprechen die zum Teil gut erhaltenen, monumentalen baulichen Zeugen der vierhundertjährigen römischen Epoche in Trier nicht nur für das Können der Baumeister jener Zeit, sondern auch für die enorme politische und kulturelle Bedeutung dieser Grenzprovinz, die unter Kaiser Konstatin nach Rom zum bedeutendsten Ort der Christen wurde. Gemeinsam mit den auf dem Areal der antiken Doppelkirche entstandenen Dom und der gotischen Liebfrauenkirche bilden die Baudenkmäler alles in allem „ein Kompendium europäischer Bau- und Kulturgeschichte“ (Sekretariat für das Welterbe in Rheinland-Pfalz).

Nicht von ungefähr sieht der französische Denkmalpfleger Didier Repellin in der Großregion eine jener Wiegen des Welterbes der Menschheit, deren universelle Sprache ganz besonders in den Bauhütten des Mittelalters, in den Traditionen des Handwerks sichtbar wird.

Für den fruchtbaren Kulturaustausch stehen zwei der größten romanischen Kathedralen Europas in Speyer am linken Rheinufer und in Tournai an der Maas, der ältesten Stadt Belgiens, beide römische Gründungen. Am Rhein wie an der Maas wirkte das Vorbild der großen französischen Dome. Neben der Kathedrale von Tournai befindet sich Belgiens ältester Belfried, ein gut sichtbares Symbol für die wachsende Macht des Bürgertums. Er gehört zu den sechs wallonischen Belfrieden. Diese stammen aus ganz unterschiedlichen Erbauungszeiten und sind ihrerseits Teil eines immer wieder erweiterten Ensembles von heute 33 Glockentürmen in Flandern, Wallonien und Nordfrankreich, jene historischen „Niederlande“ zwischen Somme, Maas, Mosel und Rhein.

Idealstädte

In der Mitte der heutigen Großregion behauptete sich eine ganze Stadt mit immer neuen Grenzbefestigungen. Die strategisch wichtige Lage zwischen Frankreich und Deutschland ließ Luxemburg unter den Kaisern des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, Burgundern und Habsburgern, spanischen und französischen Königen und zuletzt Preußen zum vollkommensten Festungsbauwerk Europas neben Gibraltar werden. Die Festungsanlagen wurden erst mit der Erlangung der Souveränität und der dauernden Neutralität Luxemburgs im 19. Jahrhundert obsolet.

An der Grenze zu Luxemburg liegt die Stadt Longwy, deren Neustadt heute zum Welterbe „Befestigungsanlagen Vaubans“ gehört, einer Gruppe von 12 befestigten Orten entlang der westlichen, nördlichen und östlichen Grenze Frankreichs. Entworfen wurden sie von Sébastien Le Prestre de Vauban (1633-1707), dem Militär-Ingenieur und Festungsbaumeister Ludwigs XIV. als barocke „Idealstadt“. Longwy steht wie Luxemburg und viele andere befestigte Orte in der Großregion exemplarisch für das Schicksal als Pufferzone zwischen deutschem und französischem Einflussbereich.

Im politischen und kulturellen Spannungsfeld zwischen dem Königreich Frankreich und dem Herzogtum Lothringen entstanden aber auch einige der schönsten und eigentümlichsten spätbarocken Platzanlagen, die Europa zu bieten hat, Place Stanislas, Place de la Carrière und Place d’Alliance in Nancy. Stanislas Leszinsky, letzter König von Polen, wurde von den europäischen Mächten durch ganz Europa gejagt, bis er sich als Schwiegervater von Ludwig XV. der « Modernisierung » Lothringens im Sinne der Aufklärung widmen konnte.

In der Großregion finden sich zahlreiche Beispiele modernen Bauens, die es noch zu entdecken gilt. Auf ihre Bedeutung verweist das Werk Le Corbusiers, das als „transnationaler Ausdruck einer innovativen Architektursprache“ seit 2016 als „ein herausragender Beitrag zu den grundlegenden Herausforderungen des 20. Jahrhunderts, mit denen Architektur und Gesellschaft konfrontiert waren“ zum Welterbe zählt: „So setzte sich Le Corbusier sowohl in seinen gebauten Werken als auch in seinen Schriften intensiv mit der Frage auseinander, wie funktionale und lebenswerte Wohn-, Arbeits- und Erholungsräume für den modernen Menschen und für so viele Menschen wie möglich in einer industrialisierten Gesellschaft geschaffen werden können.“ Eines der 17 Beispiele ist die Textilfabrik in Saint-Dié aus dem Jahr 1946. Sie war als Teil einer modernen Idealstadt gedacht.

Werkbank

Ein wesentliches Alleinstellungsmerkmal der Großregion ist ihre Industriekultur. Die Anerkennung der Hochofenanlage in Völklingen als erstes Industriedenkmal auf der Welterbeliste hat weltweit für Aufsehen gesorgt. Sie war das Ergebnis der Zusammenarbeit von Fachleuten auf nationaler und internationaler Ebene. Betrieben wurden die Hochöfen an der Saar in der Regel mit der im benachbarten deutsch-französischen Warndt und im deutschen Saarkohlewald geförderten Kohle, sowie den im lothringischen Longwy und in Südluxemburg abgebauten Minette-Erzen. Zwischen Völklingen und den benachbarten Industriedenkmälern Lothringens, Luxemburgs und Walloniens lassen sich enge historische, soziale und wirtschaftliche Beziehungen nachweisen. Seit 2012 stehen die vier ehemaligen Zechen des Steinkohlebergbaus, Grand-Hornu, Bois-du-Luc, Bois-du-Cazier und Blegny-Mine auf der Welterbeliste. Von hier aus verbreiteten sich Innovationen technischer, sozialer und städtebaulicher Art über den Kontinent. Sie sind beispielhaft für gelungene Einwanderung und Interkulturalität. Wallonien, das als Wiege der Industrialisierung des europäischen Festlands gilt, verfügt mit den jungsteinzeitlichen Feuersteinminen in Spiennes (Mons) übrigens auch über das älteste Welterbe der Großregion. Dort wurden unter anderem Steinbeile und – messer für den Export gefertigt.

Eisenhütten und Bergwerke waren nicht nur Keimzellen der Industrialisierung, sondern auch der Europäischen Union. In der Folge des Schuman-Plans wurde die Schwerindustrie im Saarland, Lothringen, Luxemburg und Belgien, die Förderung und Verteilung der Kohle, unter multilaterale Kontrolle gestellt. Seitdem herrscht Frieden.

Die hier gemachten Beobachtungen zum UNESCO-Welterbe Großregion beruhen auf Reisen, Gedankenaustausch, Veröffentlichungen in Zusammenarbeit mit Kai Loges, Sylvie Grimm-Hamen, Norbert Mendgen, Malte Helfer, Joseph Abram, Claude Gengler und vielen anderen. Der vorliegende Artikel baut unter anderem auf auf Beiträgen zu den Büchern „Au centre de l’Europe. Im Reich der Mitte“ (2007 / 2013), dem Buchplakat „Welterbe Großregion / Patrimoine mondiale“ de la Grande Région für den Kulturraum Großregion / Espace culturel de la Grande Région (2010), den Beitrag für den digitalen Atlas der Großregion der Universität Luxemburg (2011), Vorträgen für die Ringvorlesung Universität des Saarlandes (2016) und im Rahmen der Deutschen Woche in Metz 2018

[1] Organisation der Vereinten Nationen für Bildung, Wissenschaft und Kultur im Februar 2017 veröffentlichten Richtlinien für die Durchführung des Übereinkommens zum Schutz des Kultur- und Naturerbes der Welt, Endfassung vom 02.06.2017, Art. 1 / 2

Bibliographie

Stätten des UNESCO-Welterbes Großregion / Sites du patrimoine mondial de l’UNESCO, in: interaktiver GR-Atlas der Universität Luxemburg (2011) www.gr-atlas/lu

Übereinkommen zum Schutz des Kultur- und Naturerbes der Welt, Deutsche Übersetzung aus dem Bundesgesetzblatt, Jahrgang 1977, Teil II, Nr. 10.
Der Originaltext des Übereinkommens („Welterbekonvention“)ist in den sechs Arbeitssprachen der UN auf der Website der UNESCO verfügbar, s. www.unesco.de

Welterbe-Manual. Handbuch zur Umsetzung der Welterbekonvention in Deutschland, Luxemburg, Österreich und der Schweiz. Hrsg. von den UNESCO-Kommissionen Deutschlands, Luxemburgs, Österreichs und der Schweiz. Bonn: Deutsche UNESCO-Kommission, 2009, 354 Seiten, ISBN 978-3-940785-05-3, download als PDF unter www.unesco.de

Christina Langner, Die Natur- und Kulturwunder der Welt, Alle Natur- und Kulturstätten der UNESCO-Welterbeliste, wissenmedia Verlag, 2006

 

2. Impressionen von Nancy (Weltkulturerbe) Fotoalbum, Wolfgang Niesen

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