Weinkultur

In der Heimat der Rebenkönigin[1]

Von Andreas Gniffke 

 

 

„Trier war eine alte Stadt;
die mächtigen Römer schmückten sie aus.
Von dort sandte man unterirdisch
den Wein weithin
in steinernen Rinnen,
als Freudengabe für all die Herrscher,
die in Köln residierten.“

(Annolied, Kap. 30, Verse 17-23)

ABB Mosellandschaft, Fotografie: die arge lola / regiofactum

 

Die Wertschätzung für den Moselwein scheint auch im Mittelalter bereits weite Kreise gezogen zu haben, wenn man den Zeilen des Annolieds Glauben schenken mag, das als Loblied auf den Kölner Erzbischof Anno II. im 11. Jahrhundert verfasst wurde. Archäologische Befunde für die erwähnten Weinpipelines von Trier nach Köln konnten zwar bislang nicht erbracht werden, aber die Episode kann als Beleg für einen florierenden Weinhandel zwischen Trier und Köln dienen, von wo aus der Moselwein nach ganz Europa transportiert werden konnte.

Seit Jahrtausenden stellen Menschen alkoholhaltige Getränke aus vergorenen Trauben her. Die Ursprünge des organisierten Weinbaus in der Großregion hängen jedoch eng mit der römischen Eroberung und der Verlagerung der Herrschaftszentren in den Norden des Reiches zusammen, unter anderem nach Trier. Beklagte sich der römische Geschichtsschreiber Tacitus gegen Ende des 1. Jahrhunderts n. Chr. in seiner „Germania“ noch über den Bierkonsum der Germanen, so waren es wohl die römischen Beamten, die fern der Heimat auf einen guten Wein nicht verzichten mochten und die die ideale Beschaffenheit der Umgebung im Moseltal schnell erkannten. Wenn Ausonius in seiner „Mosella“ aus dem 4. Jahrhundert die Region mit seiner Heimat Bordeaux vergleicht, dürfte der Weinbau im Moselland bereits weit entwickelt gewesen sein, und die Funde von zahlreichen römischen Kelteranlagen in der Region stützen dies auch archäologisch.

Standardisierte Qualitätsangaben finden sich in den Quellen nicht. Lediglich die Herkunft gibt uns Hinweise auf die Beschaffenheit des Weines, wobei zum Beispiel im Mittelalter „Rinscher Win“ im Norden als Sammelbezeichnung für Weine von Rhein, Mosel oder aus dem Elsass diente. In eine ähnliche Richtung geht im Übrigen das aktuelle Weinbezeichnungsrecht, das unter dem Namen „Mosel“ auch Weine von Saar und Ruwer führt. Mit Blick auf den internationalen Markt wurde hier eine „Vereinfachung“ umgesetzt, die die Besonderheiten der einzelnen Regionen unter den Tisch fallen lässt. Denn ein Moselwein schmeckt nun einmal anders als ein Saarwein, der sich wiederum von den Weinen der Ruwer unterscheidet.

Deutlich wird dies auch, wenn man den Blick nach Luxemburg schweifen lässt, wo in den letzten Jahrzehnten ein deutlicher Qualitätsschub zu beobachten ist. Im Gegensatz zu den deutschen Weinbergen prägen nicht Schiefer, sondern Muschelkalk im Norden sowie Keuper- und Tonmergelböden die Weine. Außerdem gibt es weit weniger Steillagen. Die Rechnungsbücher der Stadt Luxemburg dokumentieren für das 15. Jahrhundert die große Bedeutung, die Steuern auf Wein und Weinhandel für den städtischen Haushalt besaßen. Neben der Bautätigkeit sind dort detailliert alle Weineinkäufe und -verkäufe notiert und die Bedeutung der Stadt für den regionalen Weinhandel tritt deutlich hervor. Noch im 19. Jahrhundert wurde in Luxemburg hauptsächlich Elbling angebaut. Heute sind insgesamt 15 Rebsorten zugelassen, wobei der Rivaner (Müller-Thurgau) den größten Flächenanteil besitzt. Es dominieren Genossenschaftsweine. Doch bereits 1966 gründeten 52 Privatwinzer eine Interessenvereinigung mit strengen Qualitätskriterien und einer eigenständigen Vermarktung.

Gemeinsam ist den Weinen der Großregion aber eines: Die Königin der Trauben ist der Riesling, der hier perfekte Bedingungen vorfindet. Keine Traube reicht an Qualität und internationaler Achtung auch nur ansatzweise an (den) diesen heran. Im Rieslingedikt aus dem Jahr 1787 erließ der Trierer Erzbischof und Kurfürst Clemens Wenzeslaus ein Gesetz zur Qualitätsverbesserung der heimischen Weine. Schlechte, als „rheinisch“ bezeichnete Reben, sollten vernichtet und durch gute Reben, eben vor allem den Riesling, ersetzt werden. Der Erfolg ließ nicht lange auf sich warten und im Laufe des 19. Jahrhunderts mauserte sich Traben-Trarbach nach Bordeaux zur zweitgrößten Weinhandelsstadt Europas. Wurden im 20. Jahrhundert deutsche Weine insbesondere von der Mosel auf Auktionen zu ebenso horrenden Preisen gehandelt wie die der französischen Elitegüter, ruinierten die Weinskandale der 1980er Jahre sowie eine „Masse statt Klasse“-Politik den Ruf nachhaltig. Doch seit einigen Jahren steigt die Exportbilanz der Moselweine stetig, ein Aufwärtstrend, den auch die Finanzkrise nicht stoppen konnte. Allein im Jahr 2010 steigerten sich die Exporte der deutschen Moselweine in Menge und Wert um über 30 Prozent auf ein Niveau, das dem vor der Finanzkrise entspricht. Größter Abnehmer sind hierbei die Vereinigten Staaten, gefolgt von Norwegen. Doch auch der immer wichtiger werdende asiatische Markt zeigt sich Weinen von der Mosel gegenüber sehr aufgeschlossen.

Ähnlich positiv sieht es in Lothringen aus: Das einst bedeutende Anbaugebiet an Maas und Mosel ist dabei, sich zu erholen. Mit einer jahrhundertealten Weinbaukontinuität umfasste das Gebiet noch im späten 19. Jahrhundert ca. 47.000 Hektar Anbaufläche, die Reblaus und zwei Weltkriege führten dann aber zu einem dramatischen Niedergang. Heute wird in Lothringen noch auf etwa 120 Hektar Fläche Wein angebaut, der Schwerpunkt befindet sich bei Toul. Das traditionsreiche Anbaugebiet („Côtes de Toul“) wurde 1998 in den Status einer „Appellation d’origine contrôlée“ (A.O.C.) erhoben. Auch hier gilt seit einiger Zeit das Motto „Klasse statt Masse“. Am bekanntesten ist der „Gris de Toul“, ein dem Rosé ähnlicher, frischer und fruchtiger Wein, der hauptsächlich aus Pinot Noir gekeltert wird, dabei aber keine Maischegärung durchläuft, weshalb er nur eine blasse Farbe entwickelt. Seit 2010 ist auch der Bereich „Vin de Moselle“ mit etwa 60 Hektar Anbaufläche als „Appellation d’origine protégée“ (A.O.P.) klassifiziert.

Große Freude löste über alle Grenzen hinweg die Ernte des Jahrgangs 2011 aus. Ein für Wein perfekter Sommer mit einem trockenen Frühjahr, Regen zur rechten Zeit und einem trockenen Lesezeitraum dürfte für einen Spitzenjahrgang sorgen. Nach dem eher durchschnittlichen Jahrgang 2010 rechnet man an der deutschen Mosel mit einem Ernteplus von etwa acht Prozent und auch in Luxemburg rechnet man mit einem deutlichen Zuwachs. Der Jahrgang dürfte ein weiterer Schritt in die richtige Richtung werden und den Weinen aus der Großregion auch international helfen, wieder als das wahrgenommen zu werden, was sie sind: internationale Spitzenklasse.

 

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Der Artikel wurde zum ersten Mal in Eva Mendgen (Hrsg.) : Au Centre de l’Europe – Im Reich der Mitte². Saarbrücken: Regiofactum-Edition 2013, S. 42-46.