Militärarchitektur

Kulturgut, das der Krieg erschuf

Anja Reichert-Schick

Seit jeher haben die territorialen Absicherungsbedürfnisse von Landesherren und Bürgern zum Bau zahlloser Verteidigungsbauwerke geführt. Parallel zu den strategischen und waffentechnischen Innovationen entstanden im Laufe der Zeit verschiedenartige Verteidigungsanlagen, deren militärische Bedeutung zeitlich stets limitiert war. So lösten ab dem 16. Jh. mit Schwarzpulver betriebene Feuerwaffen die mittelalterlichen Waffen wie Katapulte, Pech und Schwefel ab. Im Laufe von fünf Jahrhunderten sind drei Feuerwaffen geprägte Festungsbauepochen zu konstatieren, die insbesondere an Kriegsschauplätzen wie dem SaarLorLux-Raum zu einer großen Anzahl kulturlandschaftsrelevanter Bauwerke geführt haben.

In der frühen Neuzeit (Ende des 15. bis zum 18. Jh.) war die Festungsbaukunst auf das Errichten von häufig sternförmigen, mit Bastionen umgebenen Festungsstädten und Zitadellen ausgerichtet. Städte wie Metz, Verdun und Luxemburg wurden zu waffenstarrenden Festungskomplexen ausgebaut. Luxemburg galt lange als das Gibraltar des Nordens, und Metz entwickelte sich sogar zum weltweit größten Festungskomplex überhaupt. Longwy und Saarlouis wurden als strategisch bedeutende Festungsstädte neu gegründet. Montmédy und der Mont-Royal bei Traben-Trarbach galten als uneinnehmbare Bergfestungen.

Im 19. Jh. verlor die über drei Jahrhunderte praktizierte bastionnée Befestigungsweise mehr und mehr ihre fortifikatorische Wirkung. Es brach die Epoche der Forts und Großfestungen an, in der die Sicherheit eines zu verteidigenden Platzes durch einen Gürtel von bis zu 30 Forts um die Städte herum gewährleistet wurde. Dabei wirkte sich besonders die seit 1871 neu gezogene deutsch-französische Grenze in Lothringen aus. Verdun, Toll und Epinal sowie Metz und Thionville wurden auf diese Weise zu Großfestungsanlagen mit Fortgürteln von bis zu 70 km Durchmesser ausgebaut.

Das 20. Jh. schließlich „garnierte“ den SaarLorLux-Raum noch mit zwei linearen und gigantischen Festungskomplexen. Es entstanden die französische Maginotlinie mit großen Werken und kilometerlangen unterirdischen Gängen, sowie der deutsche Westwall, der sich wie ein Puzzle aus 17 000 kleinsten Bunkeranlagen zusammensetzte. Da zu dieser Zeit Panzer und Flugzeuge als Mittel der Kriegsführung eingesetzt wurden, bestand ein großer Teil dieser Territorialfestungen aus unterirdischen Betonstrukturen.

Seit dem Zweiten Weltkrieg schweigen nun die Waffen und die Epoche territorialer Auseinandersetzungen scheint – zumindest in Mitteleuropa – beendet. Doch bleibt uns und den kommenden Generationen ein gigantisches festungsbauliches Erbe, das Chance und Herausforderung zugleich bedeutet. Der Titel „Kulturgut, das der Krieg erschuf“ verweist auf einen vermeintlichen Widerspruch, er erklärt aber auch, warum die Hinterlassenschaft der Militarisierung der Grenzregion in den vergangenen fünf Jahrhunderten nur schwer in Wert zu setzen ist.

Gerade in Deutschland gibt es große Vorbehalte gegenüber Objekten mit militärischer Relevanz, da sie vielerorts als Zeugen von Feindseligkeit und kriegerischen Auseinandersetzungen betrachtet werden. Zumeist sind es mittelalterliche „romantische“ Wehrbauten, die als Kulturgut akzeptiert werden, nicht jedoch die weitaus funktionaleren Zweckbauten der folgenden Jahrhunderte. Anders in Frankreich, das im SaarLorLux-Raum mit Abstand das umfangreichste festungsbauliche Erbe besitzt und dessen Umgang damit vorbildlich ist: einige Orte sind sehr erfolgreich als kulturtouristische Ziele etabliert, und 2008 erfolgte gar die Aufnahme von zwölf Festungen aus dem 17. Jh. in die Liste des UNESCO-Welterbes, darunter das lothringische Longwy. Aber auch in Luxembourg wird das festungsbauliche Erbe gepflegt. Die Altstadt mit ihren Festungsanlagen gehört schon seit 1994 zum UNESCO-Welterbe. Die Festung wurde sogar in Teilen rekonstruiert. So wurde ab 1997 eine komplette Festungsfront wieder aufgebaut, eine Maßnahme, die Luxemburg sehr große Aufmerksamkeit verschaffte.

Neben dem Industriezeitalter und seinen Hinterlassenschaften besitzt im SaarLorLux-Raum vermutlich kein anderes historisches Thema eine ähnliche Reliktrelevanz wie die militärische Raumprägung. Das festungsbauliche Erbe mit seiner weltweit einzigartigen Konzentration von Festungsanlagen ist ein wesentliches Alleinstellungsmerkmal, das für einen thematisch ausgerichteten Kulturtourismus prädestiniert erscheint. Nicht weniger als 13 Festungsstädte, 140 Forts aus dem 19 Jh., 48 größere Werke der Maginotlinie und rund 400 mehr oder weniger intakte Westwallbunker haben die drei neuzeitlichen Festungsbauepochen in der Grenzregion hinterlassen. Insgesamt sind dies – ohne Berücksichtigung kleinerer Anlagen – mehr als 600 Einzelobjekte, die ein die Großregion verbindendes bedeutsames Kulturerbe darstellen.

Der Metzer Geopgraphieprofessor François Reitel stellte bereits 1993 fest, dass die SaarLorLux-Region in Bezug auf die Fortifikation das größte Freilichtmuseum der Welt sei. Dennoch werden diese Potenziale immer noch zu wenig genutzt, und der Festungstourismus konzentriert sich bislang auf wenige Standorte wie Verdun oder Bitche. Diese zum Teil hervorragend in Wert gesetzten Festungsbauwerke stehen der Vielzahl der stark vernachlässigten oder gar nicht erschlossenen Standorte gegenüber. Die touristische Vermarktung ist mit gerade einmal rund 40 zugänglichen und eintrittspflichtigen Festungen in der Großregion erst punktuell und kleinräumig entwickelt und rudimentär ausgebildet. Unterschiedliche Organisationsformen, Trägerschaften und Besitzverhältnisse – heterogene Strukturen – verhindern die langfristige, grenzübergreifende touristische Inwertsetzung. Frankreich, Deutschland, Luxemburg und Belgien sollten sich als Kulturerbengemeinschaft verpflichtet fühlen, dieses Erbe zu erhalten, das wie vielleicht kein anderes den interkulturellen Dialog und damit die Völkerverständigung fördert und eine nachhaltige touristische Entwicklung geradezu herausfordert[1].

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Dieser Text ist die leicht gekürzte Fassung eines Artikels, der zum ersten Mal erschien in: Eva Mendgen (Hrsg.), Au centre de l’Europe / Im Reich der Mitte 2 – Des liens et des lieux / Kulturgemeinschaft Großregion – Grande Région. Saarbrücken : Regiofactum Edition 2013, S. 109-112.