Der Zusammenhalt auf dem Prüfstand

Die Bewohner der Großregion und die Mobilisierung gegen Cattenom

Von Cécile Oberlé – Übersetzung: Eva Zimmermann

ABB: Blick von der Maginot-Linie auf Cattenom,  Fotografie: copyrigt die arge lola / regiofactum, 2006

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Ob man sich auf der A31 im Norden Thionvilles befindet oder dem Tal der Mosel zwischen Yutz und Perl folgt, es ist nicht zu übersehen: Das Kernkraftwerk von Cattenom mit seinen vier Kühltürmen beherrscht das Landschaftsbild unweit der Grenze zu Luxemburg und Deutschland. Die Medien schenken ihm weniger Aufmerksamkeit als der elsässischen „Erstgeborenen“ Fessenheim. Für den gesellschaftlichen Zusammenhalt in der Großregion aber ist Cattenom ein Störfall. Es soll hier nicht darum gehen, für oder wider Atomkraft im Allgemeinen, oder die Schließung von Cattenom im Besonderen zu argumentieren, sondern den Fragen nachgegangen werden, welche Bedeutung das Kernkraftwerk für die Bevölkerung der Großregion hat, welche Wahrnehmungen in diesem Kontext konstituiert werden. Wird durch Cattenom ein Gefühl der (Nicht-)Zugehörigkeit zu einer transnationalen Gemeinschaft erzeugt oder beeinflusst, und wie wirkt sich dies auf das Engagement aus?[1]

Über ihre grundsätzliche Opposition gegen Kernenergie hinaus verweisen die Cattenom-Gegner bei ihrer Forderung nach Schließung des Kraftwerks auf spezifische Risiken des Standorts. Einige sind technischer Natur, wie etwa die hohe Anzahl an Pannen und Reaktorausfällen. Andere beziehen sich auf die geografische Konfiguration, konkret die hohe Bevölkerungsdichte in der Umgebung Cattenoms auf deutscher, vor allem aber auf luxemburgischer Seite. Zudem betrifft die radioaktive Belastung der Mosel vor allem die Gebiete flussabwärts des Kraftwerks, also wiederum die Nachbarregionen in Deutschland und Luxemburg. Sie sind die Hauptleidtragenden und müssen mit den Risiken leben, während vom ökonomischen Nutzen und auch von den Arbeitsplätzen fast ausschließlich Franzosen profitieren.

Die Cattenom-Frage ist für die Bevölkerung der Großregion und ihren Zusammenhalt ein umso sensibleres Thema, als sich das besagte Ungleichgewicht in einen größeren Zusammenhang einschreibt, der den unterschiedlichen Umgang Deutschlands und Frankreichs mit ökologischen und umweltpolitischen Themen im Allgemeinen und mit der Energiefrage im Besonderen betrifft. Vereinzelte Stellungnahmen der Politik unterstreichen diese Schwierigkeit: Während etwa das Luxemburger Parlament 2012 offiziell verkündete, sich für eine Schließung Cattenoms engagieren zu wollen, lehnten Bundesregierung und Bundestag eine als Übergriff auf die Souveränität Frankreichs empfundene Intervention in dieser Frage stets ab und wiesen dringende diesbezügliche Forderungen der Länder Saarland und Rheinland-Pfalz zurück. Bei Zusammenkünften von Vertretern aus Politik und Wirtschaft der Großregion wird das Thema gerne geflissentlich vermieden[2].

Die Cattenom-Gegner und ihre Sympathisanten sehen sich mit einem grundlegendem Problem konfrontiert: Für sie geht es um die Frage der politischen Repräsentation und Entscheidungshoheit[3]. An der Cattenom-Frage offenbart sich ihnen zufolge ein frappierender Mangel an Demokratie, und die Tatsache, dass die Sorgen der Bevölkerung von deren politischen Repräsentanten kaum aufgegriffen werden, macht — so die Schlussfolgerung — die Aktivisten zu deren legitimen Vertretern[4]. Diese betonen die Notwendigkeit eines gemeinschaftlichen Handelns jenseits spezifischer nationaler Interessen[5] und schlagen dabei mitunter missionarische Töne an: „Nur gemeinsam sind wir das Salz einer gelebten Demokratie […] und sind somit auch der Gradmesser für Demokratieakzeptanz sowie Demokratiekultur,“ kann man auf der Facebook-Seite der Organisation Cattenom – Non merci lesen. Konkret manifestiert sich der Wille zu „transnationalen“ Visionen in einer gezielt grenzüberschreitenden Mobilisierung, die sich, wie etwa auf dem berühmten Aufkleber (rote Sonne auf gelbem Hintergrund), zweisprachig präsentiert: „Cattenom, nein Danke!“ und „Cattenom, non merci!“ Auch die Reden bei der jährlich im Herbst stattfindenden Demonstration in Metz sind konsequent zweisprachig, ebenso wie die Traktate, welche die Veranstaltung ankündigen und sich dabei strikt an die deutsch-französische Parität halten.

Hinter der Organisation und Koordination dieses jährlichen Treffens steht die Vereinigung „Internationales Aktionsbündnis gegen Cattenom“ mit ihrem Leitspruch: „Die Großregion gegen Cattenom und das Endlager Bure (Frankreich) mobilisieren!“ Jedoch, so scheint es, nur auf Deutsch. Denn die Internetseite des Bündnisses präsentiert ihre Inhalte ausschließlich in deutscher Sprache[6].

Und ist nicht die „transnationale“ bzw. bi-kulturelle Prägung, die auch der in Deutschland ansässige und im Web wie im Feld aktivste Anti-Cattenom-Verein „Cattenom – Non merci!“ allein durch seinen französischen Namen und sein Motto „Gemeinsam gegen Cattenom“ (allerdings auch nur auf Deutsch!) vermittelt, ebenfalls mehr Schein als Sein? Die Inhalte seiner umfangreichen und regelmäßig aktualisierten Internetseite stehen, mit Ausnahme einiger Slogans und Navigationshilfen in mittelmäßigem Französisch, ausschließlich auf Deutsch zur Verfügung. Umgekehrt sucht man auch auf der Website der französischen Organisation „Sortons du nucléaire Moselle“ vollständig vergebens nach deutschsprachigen Informationen und Inhalten[7].

Der beschworene bilinguale und mithin bi-kulturelle Geist der Bewegung findet also nur schwerlich Eingang in die Praxis. Bei der jährlichen Demonstration in Metz sind deutsche Slogans klar in der Mehrheit, ebenso überwiegen die Stände deutscher Initiativen – an denen übrigens kaum ein Passant stehenbleibt: „Hier sch… alle darauf!“ so die frustrierte Feststellung eines am 27.September 2014 anwesenden Aktivisten. Obwohl die Kundgebung in Metz stattfindet, sind französische Demonstrierende zahlenmäßig markant unterrepräsentiert [Die Unterzahl kann empirisch nicht belegt werden, da freilich keine auf das Herkunftsland der Teilnehmer bezogenen Zählungen vorgenommen werden]. Gerade hier liegt das Problem: Die Kluft zwischen Deutschen und Franzosen in Hinblick auf die ökologische Sensibilisierung macht sich auch in der transnationalen Großregion bemerkbar und beschränkt die Möglichkeiten eines gemeinschaftlichen Charakters der Mobilisierung erheblich.

Das unausgewogene Risiko-Nutzen-Verhältnis zwischen Frankreich, Deutschland und Luxemburg, eine unterschiedliche Ausprägung des ökologischen Bewusstseins und ein zu geringes Ausmaß an wechselseitiger sprachlicher Annährung und Durchdringung durch die Akteure der Bewegung: All diese Faktoren markieren Sollbruchstellen im Verhältnis der Bewohner und auch innerhalb der Gruppe der Cattenom-Gegner. Sie relativieren deren Selbstwahrnehmung als „großregionale“ transnationale Gemeinschaft und begünstigen den Rekurs auf Stereotypenbildung.

Dem Schriftsteller Werner Geismar lieferten die Tendenzen beiderseits der Sprachgrenze den Stoff für ein fiktives Werk. Ein Jahr nach Fukushima veröffentlichte er seinen „Anti-Atomkraft-Thriller“ Cattenom – Das Ende einer Laufzeit. Der Roman entwirft das Szenario einer nuklearen Katastrophe in Cattenom und zeichnet dabei ein polarisierendes Bild zwischen überwiegend gleichgültigen, verantwortungslosen, chaotischen und gegenüber der atomaren Gefahr zynischen Franzosen einerseits und hellsichtigen Deutschen andererseits: Eine kleine Gruppe Widerständler, deren fortgeschrittenes Alter ihren unermüdlichen Kampf mitunter lächerlich anmuten lässt, und vor allem eine Bevölkerung, die einem gigantischen Risiko ausgesetzt wird, auf das sie keinerlei Einfluss nehmen kann[8]. Der Roman wurde nicht ins Französische übersetzt und es ist unwahrscheinlich, dass dies noch geschehen wird[9].

Der gefühlte Graben führt also zur Stereotypenbildung und fördert die Entstehung von Misstrauen. Auf luxemburgischer und deutscher Seite weckt Cattenom bei manch einem Kernkraftgegner frankophobe Ressentiments, die sich undifferenziert gegen die Nachbarn richten, seien sie nun Politiker, wirtschaftliche Entscheidungsträger oder Techniker. Der Franzose als solcher entscheidet und agiert nachlässig, rücksichtlos und menschenverachtend, während er deutsche Vorbehalte auf irrationale Phobien zurückführt. Berichte der ASN (Autorité de sûreté nucléaire) und anderer Überwachungskommissionen werden regelmäßig der Parteilichkeit bezichtigt, die Verantwortlichen der EDF für inkompetent und verantwortungslos befunden (z.B. http://www.cattenom-non-merci.de/unsere-pressemitteilungen/2013/). Dies geschieht mitunter im Rahmen fragwürdiger Witze, wie etwa jenem im Saarkurier vom 23. Januar 2013, der sich über den Familiennamen des Cattenom-Direktors mokiert: „Was haben Asterix-Obelix und Cattenoms neuer Direktor Guy Cattrix gemeinsam?“ Antwort: Die Lust am Risiko und täglichen Abenteuern (http://www.cattenom-non-merci.de/unsere-pressemitteilungen/2013/). Mit der Bezugnahme auf die beiden Gallier vermag also Cattenom selbst noch die abgedroschensten antifranzösischen Klischees und Reflexe zu (re)aktivieren. Einige deutsche Aktivisten sehen in dem betreffenden Artikel ihre schlimmsten Befürchtungen in Hinblick auf die arroganten, faulen, unfähigen und unzuverlässigen „Lateiner“ bestätigt[10].

Eine vergleichende Betrachtung der Region um das elsässische Fessenheim ermöglicht einen erhellenden Blick auf den deutsch-französischen Zusammenhalt auf dem Prüfstand der Atomfrage[11]. Im oberrheinischen „Dreiländereck“ lässt sich eine ähnliche Tendenz zu Argwohn und Ressentiments ausmachen wie sie für die Grande Région beschrieben wurde. Jedoch sind hier sprachliche und kulturelle Verflechungen ebenso wie das transnationale Gemeinschaftsgefühl ausgeprägter, und so versuchen die Aktivisten der Herausforderung mit zahlreichen gemeinsamen Initiativen zu begegnen und unterstreichen die Bedeutung der „deutsch-französisch-schweizerischen Freundschaft“.

Bemerkenswert ist insgesamt das Aufkommen neuer Themen und einer neuen Generation von Atomgegnern, die im Stande sind, der transnationalen Mobilisierung eine neue Dynamik zu verleihen. Die Beteiligung junger Leute an den Demonstrationen nimmt zu, neue Aktionsformen bilden sich heraus, wie etwa die Fahrraddemonstrationen, die mitunter auch weitere, allgemeinere „grüne“ Interessen miteinbeziehen – etwa die sanfte Mobilität – und daher auch mehr Leute ansprechen[12].

Mittlerweile ist es jedoch nicht Cattenom, sondern das in Bure geplante Endlager, das die größere und auch „transnationalere“ Bewegung mobilisiert. Die Gegner dieses Projekts sind im Schnitt deutlich jünger und von einer anderen Kultur geprägt, ihre Aktionen nehmen völlig andere Formen an als jene der „traditionellen“ Opposition in Cattenom. Ein prägnantes Beispiel ist das „Nuke Off“ Festival, das im September 2014 in Nancy stattfand, einer Stadt , die von den Cattenom-Gegnern aufgrund ihrer geographischen Lage stets vernachlässigt wurde[13]. Anderer Ort, anderer Geist (ein partizipatives und selbstverwaltetes Festival ohne Demonstrationszug), andere Aktionsformen (gemeinsames Suppekochen mitten auf der Straße, eine Art offene Universität an der Philosophischen Fakultät, etc.), die Sprechchöre radikaler als gewöhnlich. Mitunter auch ein Ausmaß an Radikalität, das bis zur Beschädigung symbolischer Orte, weit über den ursprünglich reinen anti-nuklearischen Belang hinaus reicht[14].

[1]

Die Errichtung Cattenoms seit 1979 stand im Zusammenhang mit einer Energiekrise sowie der Krise der Kohleindustrie. Von französischer Perspektive erscheint sie als eine Maßnahme zur Erhaltung der Energieversorgung und der Arbeitsplätze in der Region. Interessanterweise plante auch Luxemburg bereits 1973, in Remerschen ein Kernkraftwerk zu errichten, was allerdings 1978 angesichts des massiven Widerstands der Bevölkerung aufgegeben werden musste. Das Projekt Cattenom hingegen wurde umgesetzt und die vier Reaktoren zwischen 1986 und 1992 in Betrieb genommen.

[2]

So etwa bei einem 2013 organisierten Symposium zum Thema Energiewende in der Großregion oder im Kontext einer 2014 gestarteten Initiative des Interregionalen Parlamentarierrates: Prinzipien wie eine verstärkte Förderung erneuerbarer Energien, die Einbeziehung der Bevölkerung, die gemeinschaftliche und möglichst lokale Energieversorgung werden bekräftigt, das Thema Kernenergie aber bleibt ausgespart. Die Empfehlungen gehen dahin, dass die historischen, politischen und ökologischen Eigenheiten aller Parteien bei der grenzüberschreitenden Kooperation in Energiefragen wesentlich zu berücksichtigen seien. Cattenom kam lediglich einmal im Rahmen einer Fragerunde zur Sprache, woraufhin die lothringischen Abgeordneten sich einer konkreten Antwort entzogen, indem sie die Frage nach Paris überwiesen,

[3]

So formulierte der ehemalige Umweltminister des Saarlandes Jo Leinen (Die Grünen) im Rahmen einer Kundgebung in Cattenom : „[Cattenom] ist ein Störfall für eine gute Nachbarschaft, und es kann keine gute Arbeitsteilung geben, [wo die einen] den Strom haben, und die anderen (…) das Risiko. Das akzeptieren wir nicht. Dieses Großrisiko ist auch keine Frage der nationalen Souveränitat eines Landes, in dem Fall von Frankreich, sondern Cattenom ist ein Problem für alle! Für alle [beteiligten] Regionen, für alle Nachbarschaften!“

[4]

So bezeichnete sich die deutsche Aktivistin Ute Schlumpberger in einem offenen Brief an Bundesumweltminister a.D. Peter Altmaier als „überaus besorgte Saarländerin und stellvertretend für die Einwohner der Großregion.“ Ähnlich der Verein Cattenom – Non merci!, der ein massives vereintes Engagement aller Bürger der Großregion fordert, um so die Verantwortung zu übernehmen, vor der sich die Abgeordneten drücken.

[5]

In ihren Reden greifen sie gerne auf Die Internationale zurück: „Bürger aller Länder im Dreiländereck Deutschland-Luxemburg-Frankreich : vereinigt euch!“ fordert ein Gästebuchbeiträger auf der Internetseite www.Cattenoom-non-merci.de

[6]

Und unter den 28 Initiativen und Vereinen, die unter „Links“ angeführt werden, finden sich nur zwei aus Frankreich. Die einzige, ausschließlich der Mobilisierung gegen Cattenom gewidmete französische Organisation Sortons du nucléaire Moselle taucht überdies nicht auf.

[7]

associationsdnm.blogspot.fr

[8]

Die Hauptfiguren des Romans sind Walter Bergrün, ein Bewohner Perls und langjähriger Cattenom-Gegner, und Anatole Dupuis, ein technischer Verantwortlicher des AKW. Der Roman beginnt mit einer Demonstration in Perl, anlässlich derer Bergrüns Tochter den Vater auf die Schwächen der Bewegung aufmerksam macht: die geringe Anzahl an Aktivisten, deren Alter und… das vollständige Fehlen von Franzosen (S. 5). Als die Katastrophe hereinbricht, erdichtet Geismar von einer Häufung von Pannen und einer Verkettung unglücklicher Zufälle sowie dem völligen Versagen der Sicherheitsvorkehrungen, die rasante radioaktive Verwüstung betrifft vor allem die deutsche Seite. Während der Ingenieur Dupuis als integrer Charakter eingeführt wird, der sein Möglichstes tut und verzweifelt versucht, das Ausmaß der Katastrophe zu begrenzen, werden die Manager der EDF als verantwortungslose Zyniker dargestellt, deren Ehrgeiz und Karrierismus mit dem Verlust von Menschlichkeit und Realitätssinn einhergehen.

[9]

Gleiches gilt für Jürgen Lodemanns Novelle Fessenheim (Tübingen 2013)

[10]

Beitrag 28 im Gästebuch auf www.cattenom-non-merci.de

[11]

Cécile Oberle: „Société civile et nucléaire en région transfrontalière: la contestation face aux centrales nucléaires de Fessenheim et de Cattenom“, contribution au colloque Energie, environnement et écologie des 27 et 28 novembre 2014 à l’Université Stendhal – Grenoble 3, à paraître dans la revue Le discours et la langue (numéro 8.2-2016)

[12]

Im Frühjahr 2014 organisierte Sortons du nucléaire Moselle zusammen mit Metz à vélo eine Sternfahrt auf Cattenom. Die Resonanz in Luxemburg und in Deutschland hielt sich dabei allerdings sehr in Grenzen.

[13]

video-vom-nuke-off-festival-in-nancy-september-2014

[14]

Zerstörung von Fensterscheiben von EDF- und McDonalds-Filialen