Jüdische Friedhöfe

Die Sprachen der Steine auf den jüdsichen Friedhöfen in Saarbrücken [1]

Von Katrin Menzel und Marcel Wainstock

Auf den jüdischen Friedhöfen in Saarbrücken, die heute als Kulturdenkmäler ausgewiesen sind, ist jedes grab individuell gestaltet. Zu den Besonderheiten dieser Gedenkorte gehören zahlreiche einsprachige und mehrsprachige Grabsteine, auf denen nicht nur hebräische und/oder deutsche, sondern auch französische oder russische Inschriften zu sehen sind. Teilweise finden sich sogar dreisprachige Inschriften, die den Verstorbenen ein ehrendes und bleibendes Andenken setzen.

 

Der Alte Jüdische Friedhof

Während die Verstorbenen der Saarbrücker jüdischen Gemeinde bis 1840 jenseits der Grenze in Forbach beigesetzt wurden, wurde 1841 der Alte Jüdische Friedhof im heutigen Alt-Saarbrücken angelegt. Nicht weit von dem zumeist abgeschlossenen großen Friedhofstor liegen die hübschen Häuser der Steinmetzstraße aus roten Ziegeln, die den Kern einer sich im Laufe der Zeit vergrößernden Siedlung ausmachen. Bei einem Streifzug durch die Nachbarschaft erblickt man viele architektonische Schmuckstücke und Besonderheiten und erhält so auf relativ engem Raum einen repräsentativen Überblick über die Baugeschichte seit dem Ende des 19. Jahrhunderts mit einzelnen Elementen aus noch älteren Zeiten.

In unmittelbarer Nähe liegt auch der nicht-jüdische Altsaarbrücker Friedhof, auf dem unter anderem bekannte Industriellenfamilien große Familiengrabstätten erworben hatten und auf dem sich auch Gräber gefallener Soldaten aus dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 und dem Ersten Weltkrieg befinden. Über die jüdischen Bürger aus diesen Zeitepochen lässt sich anhand der Grabmale aufgrund der wenigen Daten ohne zusätzliches kontextuelles Wissen nur ansatzweise auf den Verlauf der politischen Ereignisse schließen. Aus den 1870er Jahren finden wir beispielsweise einige Grabsteine auf dem Alten Jüdischen Friedhof von Personen, die meist in fortgeschrittenem Alter in der damals selbständigen Stadt St. Johann verstorben sind, oder auch das Grab von Auguste Ostermann (Tochter von Napoleon Ostermann), welche 1872 mit 32 Jahren verstarb, wie auf der Grabtafel vermerkt ist (Epidat-Inv.-Nr. sbs-71[2]).

Dem Betrachter bietet sich ein abwechslungsreiches Landschaftsbild der jüdischen Grabanlagen. Bei den älteren Grabmalen auf der parkähnlichen Anlage am Hang mit Blick auf Innenstadtbereiche sowie zu den Höhenzügen um Saarbrücken herum prägen stehende Grabmale und Säulen aus Naturstein in unterschiedlichen Farben das Bild.
Sogar die Signatur des Lothringer Marmorwerks der Bildhauerfamilie Jacquemin kann man auf einem Sockel entdecken, auf dem sich allerdings keine Schrifttafel mehr befindet. Krautige Pflanzen, Moosteppiche, hohes Gras in halbschattigen oder lichtdurchfluteten Bereichen, aus dem sich zarte violette Glockenblumenkelche und Blütenakzente in Gelb nach oben recken, prägen das Bild. Efeu rankt sich um einzelne Baumstämme. Lorbeersträucher und viele schöne Baumarten schmücken den Ort.

Der Neue Jüdische Friedhof

Der größere Neue Jüdische Friedhof bietet ein noch vielfältigeres Bild. Er wurde 1918 von der Synagogengemeinde des Kreises Saarbrücken angelegt und befindet sich unmittelbar an der heutigen deutsch-französischen Grenze in der Nähe des städtischen Hauptfriedhofs an der Metzer Straße, auf dem es seit einiger Zeit auch gesonderte Grabfelder für Verstorbene verschiedener Religionen, z.B. muslimischen oder jesidischen Glaubens gibt. Vom Neuen Jüdischen Friedhof ist es nicht weit zu den Spicherer Höhen und nach Stiring-Wendel, dessen Name an die mit der Industriellenfamilie De Wendel verbundene Geschichte des Ortes erinnert.

Die ältesten Gräber auf diesem Neuen jüdischen Friedhof an der „Goldenen Bremm“[3] sind eingebettet in ein lichtes Wäldchen, und werden jeweils umrahmt von verschiedenen Kraut-, Strauch- und Baumarten. Die Landschaft wird in Richtung der neueren Gräber hin Schritt für Schritt immer garten- bzw. wiesenartiger. Liegende, wetterbeständige große Granitgrabplatten mit individuellen Dekorationselementen kommen hinzu. Die neusten Grabstätten präsentieren sich als grasbewachsene Erdhügel. Auf schlichten Holzschildern sind die Namen der Verstorbenen vermerkt – ein Provisorium zur Identifikation der Grabstelle, bis ein Grabstein das Grab schmücken wird. Auf einigen Gräbern leuchtet in diesen Sommermonaten roter Mohn. Gelb blühende Wiesenblumen, aber auch Spitzwegerichblüten und Klee gesellen sich als Farbtupfer hinzu.

Die Virtualisierung der Friedhöfe

Merkmale hebräischer und deutscher Inschriften sowie allgemeine Informationen zu jüdischen Friedhöfen in Deutschland und ein umfangreiches Literaturverzeichnis lassen sich nachlesen unter https://spurensuche.steinheim-institut.org/. Das Salomon Ludwig Steinheim-Institut für deutsch-jüdische Geschichte in Duisburg hat außerdem „epidat“ als öffentlich zugängliche Sammlung mit digitalisierten Bildern, Inschriften und Kontextinformationen zu jüdischen, vor 1950 errichteten Grabmalen angelegt[3].

Die Datenbank ermöglicht neben gezielten Suchabfragen nach ausgewählten Metadaten auch Recherchen in den Volltexten und ihren Übersetzungen. Epidat-Datensätze sind maschinenlesbar, daher berichten die Betreiber in letzter Zeit zunehmend auch von automatischen, programmgesteuerten Zugriffen auf die Datenbank. Das Ziel der Informationssammlung ist maximale Dokumentation. Die Benutzermotivation mag je nach Akteur beispielsweise sein, Vergänglichem durch Dokumentation entgegenzuwirken, Biografien lebendig zu machen, Familienrelationen besser zu verstehen, sprachliche Barrieren zu beseitigen, Bild- und Textmaterial eigenständig vom Ursprungsort darzustellen oder zu rekonstruieren, um einen neuen Zugang zu bestimmten Inhalten zu schaffen.
Man kann sich fragen, in welchem Verhältnis die Epigraphik generell heute zu anderen geistes- und naturwissenschaftlichen Disziplinen stehen will und welcher Methoden sie sich bedienen sollte. Aus linguistischer Perspektive könnte man im weiteren Sinne die Frage nach kulturell geprägten Einstellungen zu Sprache, Bildern und Realität in einem derartigen Kontext aufwerfen. Was bedeutet wohl aus sprachphilosophischer Sicht ein Satz wie: „Hier ruht […]“ auf einem Foto in einer virtuellen Umgebung?
Bei einem durch das Steinheim-Institut ermöglichten virtuellen Besuch auf den Saarbrücker jüdischen Friedhöfen präsentieren sich die digital inventarisierten „Objekte“ mit ihren jeweiligen Elementen wahlweise in chronologischer Auflistung oder alphabetisch nach Namen, in Schwarz-Weiß dokumentierten bildlichen Elementen, nach dem Erhaltungszustand etc. geordnet, und sind damit in erster Linie in Bezug auf mögliche Forscherinteressen strukturiert.

In der Street View App auf Google Maps lassen sich auf einer von einer Privatperson hochgeladenen 360°-Ansicht ein Ausschnitt der Grablandschaft auf dem Neuen Jüdischen Friedhof und auch verschiedene Inschriften von Gräbern einer Familie Levy gut erkennen. Ein herbstliches Foto des Alten Friedhofs mit Ausblick ins Tal steht derzeit auf Google Street View zur Verfügung. Zu erkennen sind dort die Rückseiten verschiedener Grabsteine, Obelisken und Säulen, aber keine Inschriften. Relativ aktuelle Satellitenbilder auf Google Maps vermitteln auch einen interessanten Einblick in die Landschaft aus der Vogelperspektive. Außer bei Baumbewuchs könnten die Inschriften liegender Grabplatten vermutlich auch durch technisch mögliche, noch genauere Bilder von oben festgehalten werden. Auf der Website von Jewish Places (https://www.jewish-places.de/), wo ausführliche Informationen zu Orten jüdischen Lebens in Deutschland auf einer interaktiven Karte dargestellt werden, fehlen die Saarbrücker Friedhöfe derzeit noch.

Bei einem tatsächlichen Rundgang und persönlichen Besuch auf den Friedhöfen nehmen wir diese Orte und ihre Aussagekraft auf ganz andere Weise individuell mit unseren Sinnen wahr. Jeder Ansatz bietet Anlass zu einer Vielzahl von Gedankengängen. 

Die Sprachen der Inschriften

Zu den Besonderheiten der jüdischen Friedhöfe in Saarbrücken gehört die Vielfalt der Sprachverwendung. Die Grabmale sind individuell gestaltet und mit ein- oder mehrsprachigen Texten versehen. So werden nicht nur Hebräisch oder Deutsch verwendet, sondern auch Französisch und Russisch, wobei die unterschiedlichen Sprachen in vielfältigen Konstellationen gemeinsam oder einzeln in unterschiedlicher Häufigkeit in Erscheinung treten. Enthält ein Grabmal Texte in verschiedenen Sprachen, so ergänzen sich die dadurch vermittelten Informationen meist, können aber auch Transliterationen sein, teilweise dreisprachig mit hebräischen, lateinischen und kyrillischen Buchstaben.
Einige ältere Grabmale des Alten Friedhofes sind schriftlos, weil eine aufgesetzte Schrifttafel fehlt oder der beschriftete Teil des Grabmals bei einem Vandalismusübergriff zu Bruch ging oder auf andere Weise abhandenkam. Bisweilen stehen abgebrochene Teile auch neben dem Grabstein.

Bis ins 19. Jahrhundert hinein sind die jüdischen Grabsteine in Saarbrücken typischerweise ausschließlich auf Hebräisch beschriftet. In Hebräisch, dem laschon kodesch, der heiligen Sakralsprache, in welcher observante Juden heute noch beten und Beerdigungszeremonien durchführen, waren seit dem Mittelalter alle Grabsteininschriften der Friedhöfe jüdischer Gemeinden Europas verfasst. Ab dem 18. Jahrhundert kamen Inschriften in der jeweiligen profanen Landessprache hinzu und ab dem Beginn des 20. Jahrhunderts gibt es Inschriften, die ausschließlich in der Landessprache verfasst sind, wobei manchmal ein kleines Relikt in Hebräisch, nämlich die Abkürzungen der Formeln „Hier liegt/Hier ist geborgen“ am oberen Teil des Grabsteins und die Abkürzung des Segenswunsches „Ihre/Seine Seele sei eingebunden in den Bund des ewigen Lebens“ am unteren Ende des Grabsteins in hebräischen Buchstaben beibehalten wird.

Eine traditionelle jüdische Grabinschrift setzt sich aus mehreren Elementen zusammen. Das wichtigste darunter ist der Name der verstorbenen Person. Lange bevor das Tragen bürgerlicher Namen auch für Jüdinnen und Juden verpflichtend wurde, hatten sie einen jüdischen Namen. Dieser heute noch in religiösen Kontexten (Beschneidung, Bar/Bat-Mitzwa, Hochzeit, Beerdigung, Grabsteininschrift) verwendete Name setzt sich nach dem Schema: hebr. Vorname des Kindes – Sohn/Tochter von – hebr. Vorname des Vaters zusammen, also z.B. „Mordechai ben Zwi“ oder „Miriam bat David“. Wenn der weltliche Vorname nicht gleichlautend mit dem hebräischen ist, wie z.B. David, wird bei der Wahl des weltlichen Vornamens oft, aber nicht zwingend, ein Vorname mit dem gleichen Anlaut, ausgesucht, z.B. Mark, Max oder Moritz für Moses oder Mordechai, Robert oder Rudolf für Ruben, Margarethe für Miriam, usw. Vor oder nach dem Namen findet man manchmal einzelne Attribute bis hin zu längeren Angaben zum Leben der verstorbenen Person. Im Laufe des 19. Jahrhunderts nahmen landessprachliche Inschriften in lateinischer Schrift an Bedeutung zu. Dies lässt sich leicht vor Ort oder teils noch besser und tiefgründiger wegen der guten Aufbereitung der Texte anhand der Datensätze des Steinheim-Instituts nachvollziehen. Nur wenige landessprachliche, hier deutschsprachige, Angaben wie den bürgerlichen Namen und das Sterbedatum hielt man zunächst auf der Rückseite aufrecht stehender Grabsteine fest. Später wanderten deutsche Namensvermerke auf die Vorderseite zusammen mit weiteren wahlweise deutschen oder hebräischen Textelementen. Zuweilen wanderte der hebräische Text auf die Rückseite des Grabsteins. Was hier bei solchen zweisprachigen Inschriften zu bemerken ist, ist die Komplementarität des hebräischen und des landessprachlichen Textes. Es handelt sich bei den Texten in der profanen Landessprache nicht um eine Übersetzung der hebräischen Inschrift. Vielmehr werden durch die zwei Inschriften unterschiedliche, sich ergänzende Informationen über die verstorbene Person vermittelt.

Französische Spuren

Man könnte meinen, dass aufgrund der grenznahen Lage und historisch gewachsenen Verflechtungen mit der Nachbarschaft Französisch eine wichtige Rolle auf den Saarbrücker Friedhöfen spielt[4]Hier treffen wir jedoch scheinbar auf eine deutliche Kulturgrenze. Die Gräber mit französischem Bezug muss man auf den Saarbrücker jüdischen Friedhöfen sehr genau suchen. Und doch gibt es sie. Nur wenige französische und deutsch-französische Texte fallen dem Einen besonders auf, während andere sie vielleicht beim Vorbeigehen übersehen. Um verschiedene Aspekte der kulturellen Entwicklungen der Nachkriegsgemeinde nachzuvollziehen, lohnt sich ein genauer Blick auf den Neuen Jüdischen Friedhof, wobei die Heranziehung zusätzlicher Informationen aus anderen historischen Quellen unabdingbar ist.

Zu den französischen Spuren in der saarländischen jüdischen Nachkriegsgemeinde lässt sich festhalten, dass einige Re-Migranten, die nach 1935 in Frankreich teilweise unter falschen Namen gelebt hatten, bisweilen mit französischer Staatsbürgerschaft in die frühere Heimat zurückkehrten. Sie hatten die französische Sprache erlernt und ihre Kinder waren oft schon in Frankreich zur Schule gegangen. Es war für sie daher naheliegend, einmal in Saarbrücken angekommen, ihre Kinder auf das für die ins Saarland gekommenen französischen Familien 1945 gegründete „Lycée Maréchal Ney“ zu schicken. Von 1946 an und bis in die 60er Jahre besuchten fast alle Kinder der jüdischen Gemeinde dieses französische Gymnasium in der Saarbrücker Halbergstraße, das heu-tige „Deutsch-Französische Gymnasium“. Die Folge eines solchen Schulabschlusses war in vielen Fällen ein sich daran anschließendes Studium an einer Hochschule in Frankreich. Mit dem französischen Studienabschluss war auch das weitere Berufsleben in Frankreich häufig vorprogrammiert. Die Rückkehr einiger Emigrierten ins Saarland war außer durch emotionale Verwurzelung mit ihrer Heimat und der deutschen Kultur auch teilweise durch ganz pragmatische, beispielsweise berufliche Gründe motiviert. Einige siedelten sich auch in den benachbarten französischen Städten Forbach, Saargemünd, Metz und Straßburg an. Über viele Jahre war seit Bestehen der deutschsprachigen Nachkriegsgemeinde mindestens die Hälfte der Gemeindemitglieder ganz oder teilweise auch des Französischen mächtig.

Französisch wurde als Sprache z.B. für das Grabmal der Familie Gernsheimer gewählt (s. Epidat-Inv.-Nr. sb2-99). Die Eheleute Mina und Alexander Gernsheimer hatten ein Geschäft in Saarbrücken. Nach 1935 emigrierte die Familie zunächst nach Straßburg und danach nach Tours. Auf der stehenden Grabplatte finden wir die französische Vornamensvariante Alexandre bei den Angaben zu Herrn Gernsheimer, darunter einen Verweis auf Grete Gernsheimer (1914–1930) neben dem Bildnis einer knienden Frau mit gesenktem Kopf. Auf der liegenden Platte davor steht der französische Text zur Erinnerung an den einzigen Sohn[5]: A la mémoire de Walter Gernsheimer / Mort pour la France / Victime de la barbarie nazie 1919-1945.

Am 24.07.1947 erhielt das Ehepaar Gernsheimer die französische Staatsbürgerschaft. Alexander Gernsheimer verstarb 1949 in Tours. Nach dem Tod des Ehemannes kam die Witwe Mina Gernsheimer nach Saarbrücken zurück, wo ihr Bruder seit 1945 wieder eine Anwaltskanzlei betrieb. Der Sohn, Walter Gernsheimer, wurde posthum mit dem Orden der Ehrenlegion ausgezeichnet. Ein Grab, dessen Verstorbener noch zu Lebzeiten mit dem Orden der Ehrenlegion ausgezeichnet wurde, ist das von Guy Kurt Lachmann (1906–1987), der hier mit seiner aus einer hochangesehenen elsässischen Rabbinerfamilie stammenden Ehefrau Alice geb. Netter liegt. Kurt Lachmann war nach dem Krieg von 1948 bis 1956 der erste Polizeipräsident des Saarlandes. Nach dem Krieg hat er den französischen Vornamen Guy seinem deutschen Vornamen vorangestellt. Dieses Detail ist auf dem Grabstein der einzige französischsprachige Hinweis. Ein weiteres Grab mit französischem Text auf dem Neuen Friedhof ist das von Isaac und Mathilde Salomon. Isaac Salomon verstarb 1942 in der Dordogne. Sein Grab wurde damals auf Französisch und Hebräisch beschriftet, später von Ribérac auf den Pariser Friedhof Pantin und schließlich nach Saarbrücken verlegt. Mathilde Salomon, von Geburt Luxemburgerin, verstarb 1975 in Saarbrücken, daher sind keine Angaben zu diesem Grab auf der Seite des Steinheim-Instituts veröffentlicht. Auch ihre Angaben wurden auf Französisch, ergänzt durch den jüdischen Namen und die Sterbedaten nach dem jüdischen Kalender auf Hebräisch, vermerkt. Vor ihrem Geburtsnamen Levy steht allerdings überraschenderweise die deutsche Abkürzung „geb.“
Das Grab von Guy Philipp Wolf in der Friedhofssektion der Kindergräber enthält einen auf Französisch beschrifteten, stehenden Grabstein was darauf hindeutet, dass er wohl ebenfalls in Frankreich angefertigt wurde. Guy Philipp Wolf, dessen Eltern in Saarbrücken lebten, kam in Forbach zur Welt, wo auch seine Tante wohnte. Die liegende Platte vor diesem Grabstein erinnert mit einem deutschen Text an die in der Deportation umgekommenen Eltern des Vaters[6].

Durch die Zuwanderung aus den GUS-Staaten in den vergangenen Jahrzehnten nahm die „Russophonie“ in der Gemeinde stark zu. 1990 begann die offizielle und geregelte Zuwanderung von jüdischen Emigranten aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland. Das Saarland nahm, wie schon zuvor im Falle der Russlanddeutschen, nach dem sog. Königsberger Schlüssel 1,4 % der Einreisewilligen auf. Damit wuchs die Mitgliederzahl der Gemeinde wieder deutlich. Um die Integration dieser Menschen ins Gemeindeleben zu erleichtern, sind von 1993 an viele offizielle Informationen innerhalb der Gemeinde ins Russische übersetzt oder verdolmetscht worden.
Textelemente in kyrillischen Buchstaben und mehrsprachige Angaben prägen das Bild der neueren Friedhofssektionen.

Ergebnisse einer persönlichen Spurensuche und offene Fragen

Auf den jüdischen Friedhöfen in Saarbrücken dominieren bestimmte sprachliche und kulturelle Traditionen. Hebräisch, bzw. die hebräische Schrift, begegnet uns kontinuierlich, aber nicht auf jedem Grabmal. Im Laufe des 19. Jahrhunderts nehmen deutschsprachige Beschriftungen an Bedeutung zu. Russisch hat in den vergangenen Jahrzehnten an Bedeutung gewonnen. Französische Einflüsse werden nur selten sichtbar. Spuren von Regional- und Minderheitensprachen braucht man an diesen Orten vermutlich nicht zu suchen, oder doch? Sind diese Friedhöfe Orte, an denen Standardsprache(n) in Stein gemeißelt wurden? Subtile Merkmale des Sprachwandels und verschiedener Sprachvarietäten lassen sich bei einer gezielten Spurensuche sicherlich finden. Wieviel Individualität von Einzelnen und bestimmten Gruppen innerhalb der jüdischen Gemeinde drückt sich durch die verwendeten Sprachen aus, und wieviel Kompromissbereitschaft, Traditions-verbundenheit und kulturelle Verflechtungen lassen sich aus der Grabgestaltung im Zusammenhang mit mono- oder multilingualen Texten ableiten? Eine wichtige Rolle auf den Grabsteinen spielen sicher ästhetische Gesichtspunkte und ganz persönliche Vorstellungen. Es gäbe noch viel zu entdecken in Bezug auf typografische „rhetorische Stilmittel“ und die raumbildende, architektonische Rolle der Schrift, die Sprache bildlicher Zeichen,aber auch über mehrdeutige Elemente, wie z.B. den Davidstern mit seiner wechselhaften Geschichte. Da wir oft nicht genau wissen,warum bestimmte Grabsteinelemente gewählt wurden, laden sie den Betrachter ein zukreativen Deutungen oder dazu, sich selbst auf die Suche nach tiefergehenden Antworten zu begeben.

[1]

Dieser Beitrag ist die leicht gekürzte Fassung eines Festschriftbeitrags, der Prof. Leena Kolehmainen gewidmet wurde. Er ist erschienen in: Cuckoo! Constrasts, translations and linguistic landscapes. Festschrift in honour of Leena Kolehmainen’s 50th birthday.

Vollständige Fassung unter: https://www.uni-saarland.de/fileadmin/upload/lehrstuhl/teic/Festschrift_Artikel_Menzel_Wainstock.pdf

[2]

„epidat“: Datenbank zur jüdischen Grabsteinepigraphik. Das Salomon Ludwig Steinheim-Institut für deutsch-jüdische Geschichte in Duisburg hat  „epidat“ als öffentlich zugängliche Sammlung mit digitalisierten Bildern, Inschriften und Kontextinformationen zu jüdischen, vor 1950 errichteten Grabmalen angelegt. http://www.steinheim-institut.de/cgi-bin/epidat [01.08.2021]

[3]

Das lothringische Wort Bremm steht übrigens für verschiedene Dornenbüsche wie den goldgelben Ginster. Es ist u.a. mit dem englischen Wort „broom“ – dem ursprünglich aus Zweigen gefertigten Besen – verwandt und in abgewandelter Form im Wort „Brombeere“ zu finden. Der aus Frankreich ausgewiesene Daniel Cohn-Bendit, begleitet von hunderten Studenten der Universität des Saarlandes, versuchte 1968 an der Goldenen Bremm als 23-jähriger auf spektakuläre Weise die Grenze zu überqueren.

[4]

Einen guten Überblick zum Thema jüdische Friedhöfe in Frankreich und die herausragende Bedeutung der Region Elsass-Lothringen, vor allem im 19. Jhd., bietet Gérard Nahon in „Jewish Cemeteries in France.“ In: Jüdische Friedhöfe und Bestattungskultur in Europa, Hrsg.: Esther Bertele und John Ziesemer (Berlin: Bäßler, 2011), 77–81, https://doi.org/10.11588/ih.2011.0.20216.

[5]

Er hatte sich der Résistance angeschlossen, wurde im April 1944 unter falschem Namen in Paris verhaftet und starb nach seiner Deportation nach Auschwitz 1945 in Buchenwald.

[6]

Einige biografische Informationen sind den Entschädigungsakten im Saarländischen Landesarchiv zu entnehmen unter folgenden Signaturen: LEA 8256: Gernsheimer geb. Sender, Mina; LEA 6557: Gernsheimer, Walter; LEA 11 429: Salomon geb. Levy, Mathilde; LEA 7024 u. 7025: Dr. med. dent. Wolf, Siegfried.