Gott und Cäsar zwischen Metz, Trier und Mainz

Politik und Religion im Deutschen Reich des 12. Jh.

Von Daniel Elouard – Übersetzung: Sylvie Grimm-Hamen

Papst Eugen III war früher Mönch in der Zisterzienser Abtei von Clairvaux gewesen und war viel auf Reisen. Er rief zum 2. Kreuzzug auf (1147-1149) und beauftragte den Zisterzienserabt Bernhard von Clairvaux, der ihm während seines ganzen Pontifikats eine Art Mentor war, mit der Kreuzungspredigt. Um auch die Widerspenstigen zu gewinnen, wird Bernhard ihnen einen vollkommenen Ablass, d.h. den Einlass ins Paradies, versprechen. Nach der Einweihung der Kathedrale von Reims fuhr Eugen im November 1147 zur Synode nach Trier. Diese wäre längst in Vergessenheit geraten, wäre es dort nicht auch um Hildegard von Bingen gegangen. Bei der Eröffnung der Synode erreichen katastrophale Nachrichten die Stadt : Die Armee von Konrad III, dem deutschen König und „König von Rom“, ist in Doryläum (Anatolien) vernichtend geschlagen worden. Eugen III und Bernhard, die großen Anteil an diesem desaströsen Abenteuer, das sie als „von Gott gewollt“ gepriesen hatten, standen also stark unter Druck.

Die Synode versammelte alle Prelate der Region. Unter ihnen befindet sich auch Heinrich Felix von Hartburg, Erzbischof Heinrich I von Mainz, der den Papst genau so wenig mag wie der heilige Vater ihn. Heinrich I soll aber das Reich während der Abwesenheit des Königs Konrad verwalten und auf dessen Sohn achten. Erzbischof Heinrich I ist also ein wichtiger Mann, der Zweite im Reich, und ihn plagt ein Problem, das er gerne dem Papst anvertraut. Es betrifft eine Nonne aus einem „seiner“ Klöster, dem Kloster am Disibodenberg, das einer seiner Vorgänger, Ruthard, neugegründet hat, um dort eine Benediktinergemeinschaft anzusiedeln. Diese Klosterfrau, Hildegard, hat Visionen, die sie nun in einem Buch, dem Scivias (dt. Wisse die Wege), niederschreibt. Daran ist nichts Ungewöhnliches für die Zeit : im 12. Jh berichten Jutta von Sponheim, Elisabeth von Schönau, Herrade von Landsberg, die Äbtissin am Sankt Odilienberg ist, und zahlreiche Beginen von mystischen Erlebnissen, denen die Kirche grundsätzlich mißtraut. Damals haben Frauen zu schweigen. Angeblich von Natur aus schwach, weniger hellsichtig und klug als Männer, gelten sie als minderwertig. Dieses Vorurteil kann dem Scivias nur schaden…

Als erstes soll Vollmar, Hildegards Berater, ein urteil über das Buch fällen. Ihm fehlt aber die nötige Autorität und er verweist deswegen auf seinen Vorgesetzten, den Abt Cunon, der selbst keine Stellung nehmen will und die ganze Angelegenheit dem Erzbischof Heinrich weiterleitet. Geschickt überträgt Heinrich dem Papst die Verantwortung… d.h. in Wirklichkeit an Bernhard von Clairvaux, der schnell versteht, dass Hildegards Buch zum richtigen Zeitpunkt kommt. Den mißglückten Kreuzzug wird er durch sein außergewöhnliches politisches Geschick in einen geistigen Sieg verwandeln. Eine schnelle Überprüfung hat ergeben, dass Hildegard aus einer sehr konservativen Familie stammt und von unbedenklicher Herkunft ist. Sie stellt also im Gegensatz etwa von einem Abelard oder Arnold von Brescia keine Gefahr dar. Und so ermutigt Bernhard den Papst, öffentlich Stellung zu nehmen und sich zu der Klosterfrau zu bekennen, auch wenn der Scivias noch nicht fertig gestellt ist und daher noch nicht analysiert werden konnte. Daraufhin ließ Eugen III „alle Schriften der seligen Hildegard […] ausstellen und nahm sie selbst in die Hand, um öffentlich daraus zu lesen.“ Im Jubel um die selige Hildegard gerieten Doryläum und der unglückliche Konrad in Vergessenheit. Als „selig“ wurde Hildegard lange bezeichnet, weil kein Papst später bereit war, sie heilig zu sprechen. Erst 2012 sprach Benedikt XVI die 1179 verstorbene Hildegard heilig.

Es lässt sich noch ein weiteres Beispiel dieser engen Verquickung zwischen Politik und Religion anführen. Als Konrad 1152 stirbt, soll Erzbischof Heinrich die Wahl seines Nachfolgers organisieren. Er unterstützt einen Kandidaten, der sich schließlich aber nicht behaupten kann und der neu Gewählte, Friedrich I Barbarossa, ist ein Mann, der ein solches Affront so schnell nicht vergisst. Im Gegensatz zu vielen anderen Bischöfen nimmt Heinrich seine geistige Funktion aber sehr ernst : Er fördert die Gründung von Klöstern, versucht wieder Ordnung und Disziplin einzuführen. Um effektiver handeln zu können, setzt er Ordensbrüder ein, die nur ihm unterstellt sind und zögert nicht, Mönche zu ersetzen, die sich seiner Autorität widersetzen. Dies liefert Eugen III einen guten Vorwand, den gehassten Erzbischof loszuwerden, der seine Befugnisse überschreitet und ihm seine Macht streitig macht. 1153 setzt ihn Eugen ab, ohne dass Friedrich natürlich etwas daran auszusetzen hätte. Zu dieser Zeit spielen alle wichtigen Prelate im Deutschen Reich eine politische Rolle.