Die Großregion

Eine Gemeinschaft im Wandel der Zeit[1]

Von Emile DeckerÜbersetzung: Eva Mendgen

 

 

Die Großregion bildet im Herzen Europas eine Gemeinschaft, die viele Werte teilt und auf dem Wunsch beruht, gemeinsam zu leben und über nationalstaatliche und sprachliche Grenzen hinweg zu kooperieren. Sie versteht sich heute als Labor der Ideen, der Zusammenarbeit. Eben dieses Gebiet war auch früher schon so manches Mal mehr als nur ein geographisches Gebiet und war wenn nicht unbedingt politisch so doch kulturell geeint ; wunderbare Zeiten, die uns die Historiker immer wieder ins Gedächtnis rufen. Eine derartige Einheit, das möchte ich betonen, hat es hier allerdings schon vor sehr langer Zeit gegeben, nämlich vor 7000 Jahren.

Die Großregion wurde damals von Völkern derselben Abstammung besiedelt. Man bezeichnete sie noch vor wenigen Jahren wegen ihrer Herkunft aus dem Osten Europas als Donaukultur. Vom Donautal breitete sie sich nach Westen aus. Heute bevorzugen die französischen Prähistoriker den Begriff „rubané“, während die deutschen von Linearkeramikkultur sprechen. Gemeint ist damit die gemeinsame Sprache, mit der sich diese Kultur identifiziert: das Dekor der Keramiken. Das Dekor besteht aus Linienornament und Stichverzierung, Grundeinheiten, die miteinander verschmelzen oder sich auf ganz eigene Weise voneinander absetzen. Wie bei einer Sprache gehorcht die Abfolge ihren eigenen Regeln. Es gibt Verbindungen und Zäsuren, Variationen, deren „Deklination“ im Raum der Zeit erfolgt. So können die Prähistoriker die Datierung mithilfe von Statistiken manchmal auf einen engen Zeitraum eingrenzen, der lediglich eine oder zwei Generationen umfasst. Die räumliche Verbreitung lässt sich über die Wanderung der Völker entlang der Flüsse bis ins Rheinland, nach Belgien und in die Mitte Lothringens, in neue, weniger besiedelte Gebiete bestimmen.

ABB: Service aus Saargemünd in einem Saarbrücker Haushalt, …

Wie lebten diese Menschen hier, im selben Raum, den wir heute besiedeln ? Sie brachten eine neue Zivilisation mit: Die Jungsteinzeit und mit ihr eine ziemlich ausgereifte, einheitliche Kultur, die sich von Mitteleuropa bis zur Nordsee erstreckte, eine Agrargesellschaft, die in kleinen Siedlungen aus wenigen Häusern lebte, die etwa drei bis sechs Kilometer voneinander entfernt waren. In den Flusstälern entstanden so erste „Ballungsräume“, wo es immer ein Dorf gab – nicht selten das älteste -, das wichtiger als die anderen war. Die Häuser waren rechteckig, fünf bis sechs Meter breit bei eine Länge von 30 Metern. Die Struktur ruhte auf Holzpfählen, das Innere im Allgemeinen war von drei Pfeilern gestützt.

Die Dorfbewohner kannten kein Metall. Sie benutzten Werkzeug aus gehauenem, Dachsbeile aus geschliffenem Stein. Sie stellten Töpferwaren aus Ton her, gefertigt aus aufeinandergelegten und miteinander verstrichenen Tonwülsten. Bevor diese Gefäße trockneten, wurden sie mit linearen Dekoren verziert. Sie bauten Getreide, Erbsen, Linsen an und hielten Haustiere: Rinder, Schweine, Ziegen und Schafe. Den Hund als Begleiter des Menschen gab es auch schon. Ihre Toten bestatteten sie in fötaler Position in ovalen Gräbern. Ihre Religion ist nur wenig bekannt, aber in einigen seltenen Fällen hat man weibliche Statuetten gefunden, von denen man nicht genau weiß, ob es sich um Göttin, Figurine oder einfach Spielzeug handelt.

ABB: Wintergarten, Musées de Sarreguemines, Foto: die arge lola/regiofactum 2006

Diese Episode reicht bis unsere heutige Zeit hinein. Tatsächlich steht sie sogar am Anfang einer neuen Gemeinschaft, nämlich jener, die sich das Studium der prähistorischen Völker vorgenommen hat: Archäologen, Prähistoriker, Wissenschaftler und Forscher aus Wallonien, Luxemburg, Lothringen, dem Saarland und Rheinland-Pfalz. Sie vergleichen ihre Forschungsergebnisse, damit sie ihre Funde besser zu verstehen und einzuordnen wissen und stellen sie zur Diskussion. Sie treffen sich regelmäßig auf Seminaren und Kolloquien. Dort werten sie ihre Erkenntnisse gemeinsam aus und publizieren sie. Diese Zusammenarbeit auf verschiedenen Ebenen, der wissenschaftlichen, kulturellen und auch ökonomischen, führt zur Vervollständigung des riesigen Mosaiks, aus dem sich die Großregion zusammensetzt.

[1]

Erste Veröffentlichung in: Eva Mendgen (Hrsg.), Au centre de l’Europe / Im Reich der Mitte2, Regiofactum, Saarbrücken 2013, p. 81-82.