Charles de Villers (1765-1815)

Charles de Villers, lothringischer Emigrierter und Wahldeutscher

Von Catherine Julliard – Übersetzung: C. Julliard unter Mitarbeit von Susanne Dalstein

 

« Die Liebe zur Menschheit und zu meiner Heimat haben mich ständig geleitet » Über die Freiheit (1791)

Charles de Villers, in Frankreich wie in Deutschland lange verkannt, erfreute sich in den 1980er und 1990er Jahren erneuter Beliebtheit. 1990 beging die Stadt Göttingen seinen 225.Geburtstag und enthüllte aus diesem Anlass eine Gedenktafel an seinem Wohnhaus. In Metz, wo 2015 anlässlich des zweihundertjährigen Todestages ein Kolloquium stattfand, verdanken wir Nicolas Brucker, Literaturprofessor an der Université de Lorraine, die Neuentdeckung der Doktorarbeit von Monique Bernard[1], die Organisation einer Wanderausstellung und eine Fülle von Veröffentlichungen, darunter die jüngste von 2019[2].

 

Wurzeln in Lothringen

Villers wurde 1765 als Sohn eines Steuereinnehmers in der lothringischen Stadt Boulay, im Departement Moselle, geboren.  Er nannte die Stadt an der Sprachgrenze zwischen dem Französischen und dem Moselfränkischen seine „ petite patrie“. Eine Straβe und eine Bibliothek sind hier nach ihm benannt. Villers besucht die Schule der Benediktiner von Saint-Symphorien und später die königliche Artillerieschule in Metz. 1792 wird er Artilleriehauptmann und Adjutant des Marquis de Puységur. Von den Jakobinern verjagt, geht er nach zahlreichen Abenteuern ins Exil, nach Westphalen. Die Verbindungen nach Lothringen und Ostfrankreich, wo seine Freunde und ein Teil seiner Familie (eine Schwester in Saint-Avold) leben, bleiben jedoch bis an sein Lebensende bestehen. In seiner Jugend führt er seine eigenen Stücke im privaten Theater des Grafen Bony de Lavergne in der „rue du Pressoir“ in Boulay auf. Als Anhänger des Magnetismus, mit dem er durch Puységur in Berührung kommt, wird er in die „Société harmonique“ des Regiments von Metz aufgenommen. Er kehrt dreimal nach Frankreich zurück (1801, 1803, 1811) und reist immer über Metz. Dort trifft er seinen Verleger Collignon, bei dem er unter anderem De la liberté(1791) und Philosophie de Kant(1801) veröffentlicht. In Metz als Grenzstadt kommt es 1803 zur einzigen Begegnung mit Germaine de Staël, die, begleitet von Benjamin Constant, auf dem Weg ins Exil ist. Die Begegnung findet im „Hotel de Pont-à-Mousson“ statt (heute „Hotel de la Cathédrale“), am „place de Chambre“, wo sich Villers und seine Freundin Dorothea von Rodde aufhalten.

Der kulturelle Mittler

Nach einer von Flucht und Exil geprägten Zeit, während der er sich an verschiedenen Orten aufhält, wird Deutschland für Villers, der beide Sprachen perfekt beherrscht und Briefwechsel mit deutschen Gelehrten unterhält, zur zweiten geographischen und kulturellen Heimat. Die Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg besitzt einen Teil seiner Briefwechsel und zahlreiche Handschriften. 1796 studiert Villers zunächst an der Universität Göttingen, wo er die Vorlesungen der deutschen Historiker Heeren und Eichhorn besucht. Bei Bouterwek vertieft er auβerdem seine Kenntnisse der Kantischen Philosophie. 1797 wird er in Lübeck von Senator Matthäus von Rodde und dessen Frau Dorothea, der Tochter des Professors Schlözer, in ihrem Haus aufgenommen. Sie wird seine Muse, die ihn in die gebildeten Kreise um Jacobi, Voss, Klopstock, Gerstenberg, Hahnemann, Reinhold u.a. einführt. Als  „Apôtre de la Germanie“[3] oder, so Goethe, „Janus bifrons“, will Villers den Franzosen die deutschen Reichtümer nahebringen,  „jeter un pont sur l’abîme“[4], eine Brücke über den Abgrund schlagen, der beide Kulturen trennt. Er will das Wesen des deutschen Volkes erforschen und eventuelle falsche Vorstellungen der Emigrierten berichtigen. Er widmet sich ganz dieser Strategie der Vermittlung und will die Rolle des Mittlers einnehmen. Die Lettres westphaliennes(1797), in Berlin veröffentlicht, zeigen seine Bewunderung für die deutsche Kultur. Villers ist Mitredakteur der Zeitschrift Le Spectateur du Nord(1797-1802) von Amable de Baudus, die zuerst in Hamburg, dann in Braunschweig gedruckt wird und für die Emigrierten bestimmt ist. Hier veröffentlicht er neben einer Vielzahl von Beiträgen über Sprache, Geschichte, Wissenschaft und Literatur auch Artikel über die Kantische Philosophie, die ihn fasziniert und aus der er eine moralische Substanz zieht. In ihr sieht er ein Gegenmittel, das seine Landsleute, die durch die empiristische und sensualistische Philosophie verdorben seien, erneuern könnte. Die Monatsschrift berichtet auch vom literarischen Leben in Paris. 1801 stellt Villers in Paris das Werk vor, an dem er viele Jahre gearbeitet hat: Philosophie de Kant. Er  widmet es dem „Institut de France“, doch der erhoffte Erfolg bleibt aus.  Der vom „Institut“ ausgezeichneteEssai sur l’esprit et l’influence de la Réformation de Luther(1804) stellt die Reformation als Faktor des Fortschritts, als Vorbote der Aufklärung dar. Nach der Veröffentlichung des Essaierhält Villers den Ehrendoktortitel der Universität Göttingen. Wegen seiner Verteidigung der deutschen Universitäten gegen die napoleonische Politik (1808), für die er sich an König Jérôme von Westphalen, einen Bruder Napoleons, wendet[5],und seines beständigen Engagements für die Hansestädte gegenüber den französischen Obrigkeiten ernennt ihn die Stadt Bremen 1810 zum Ehrenbürger.

Die Paradoxa der kulturellen Hybridität

Villers‘ spezifische Situation lässt sich als « être de l’entre-deux »[6] charakterisieren und stellt ihn vor zahlreiche Widersprüche: In Frankreich katholisch erzogen, dann in Deutschland in ein protestantisches Milieu integriert, hatte er sich zunächst die französische Kultur des 18. Jahrhunderts angeeignet und war anschlieβend zur germanischen Kultur konvertiert, war als ehemaliger französischer Offizier, der Deutschland verteidigte, zwischen zwei Ländern und an der Schwelle zwischen Epochen groβer Umbrüche hin- und hergerissen. Der katholische Schriftsteller verliebt sich in die in einem protestantischen kulturellen Raum entstandene Kantische Philosophie. In LeSpectateur du Nordsetzt sich Villers für Fichte ein, der unter dem Vorwurf der Verbreitung atheistischer Ideen von seinem Lehrstuhl in Jena vertrieben wurde[7]. 1802, kurz nach dem Konkordat und nach der Veröffentlichung des Génie du Christianisme, wagt es Villers, die Reformation zu loben und spricht von Gewissensfreiheit. 1806, auf dem Höhepunkt der napoleonischen Kriege, schützt er das Haus des Senators Rodde in Lübeck vor Raub und in einem Brief an die Tante des Kaisers, Fanny de Beauharnais, protestiert er gegen die Übergriffe der französischen Armee[8]. In Le Spectateurdu Nord rühmt er die deutsche kulturelle Überlegenheit. In Deutschland hat er mitunter Heimweh, doch nach Frankreich zurückgekehrt, sehnt er sich nach Deutschland. 1814, nach der napoleonischen Niederlage, wird er, der Franzose und seit 1811 Professor der französischen Literatur an der Universität Göttingen, seines Amtes enthoben. Dieser letzte Schlag wirft ein tragisches Licht auf sein Leben.

Scheitern der Verpflanzung oder Weitblick?

In LeSpectateur du Nordmuss Villers aufgrund mangelnden Interesses und des Vorwurfs stilistischer Unverständlichkeit seitens der Leser auf seine philosophischen Artikel verzichten. Seine Schriften über Kant lösen eine Welle höhnischer Reaktionen in den französischen Zeitungen aus, rufen bei Napoleon, der sich eine Zusammenfassung der Doktrin erbeten hatte, nur Gleichgültigkeit hervor und werden von Schelling, der sich über Villers‘ Verzerrungen ärgert, abgelehnt. Baudus wirft ihm seine blinde Vorliebe für das deutsche Paradigma vor und verurteilt seine germanophilen Übertreibungen, die, so Baudus, die französische Ehre verletzen. Die Zusammenarbeit endet im Jahre 1800. Der Essai setzt Villers der Kritik der Katholischen Partei aus und entfacht heftige polemische Auseinandersetzungen. Villers erweist sich jedoch in mehrfacher Hinsicht als Prophet. In Frankreich lassen sich im 19. Jahrhundert  – Ironie der Geschichte – Rezeptionsansätze der Kantischen Philosophie beobachten, die in der III. Republik auf den Lehrplan für Gymnasien gesetzt wird[9]. Der Essai über die Reformation, der in Deutschland positiv bewertet wird, wird fünfmal neu aufgelegt und erscheint in mehreren Sprachen. L’Erotique comparée(1806)[10], die Goethe und Jacobi gefiel, und die eine Parallele zwischen französischen und deutschen Dichtern über das Motiv der Liebe zieht, kann als der erste Essay der vergleichenden Literaturwissenschaft betrachtet werden. Die Abhandlung über den Handel der Hansestädte (1814) oder sein letzter Ausblick in Coup-d’œil sur l’état actuel de la littérature ancienne(1809) verleihen Villers die prophetische Dimension eines Gründungsvaters Europas[11]. Schliesslich werden Villers’ Ideen über das germanische Wesen das Werk von Germaine de Staël, De l’Allemagne, beeinflussen, dessen Einleitung von Villers stammt. Posthum werden diese Ideen ein Echo bei ihr finden, und ihr Bekanntheitsgrad wird denjenigen Villers deutlich übersteigen.  Ruth Ann Crowley fasst mit folgenden Worten das Dilemma zusammen, vor dem Villers, „homme entre deux cultures“[12], sein Leben lang stand:

„He was too German for the French and too French for the Germans. “[13]

 

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[1]

Monique Bernard : Charles de Villers et l’Allemagne. Contribution à l’histoire du préromantisme européen.Montpellier, Université Paul Valéry, 1976. http://tel. archives ouvertes.fr/tel-00981985. Siehe auch dies. : Charles de Villers. De Boulay à Göttingen. Itinéraire d’un médiateur franco-allemand. Metz, Paraiges, 2016.

[2]

Über Charles de Villers, siehe : Nicolas Brucker, Franziska Meier (Hg.) : Un homme, deux cultures, Charles de Villers entre France et Allemagne (1765-1815), Paris, Classiques Garnier, 2019, Bibliographie S. 305-312. Siehe auch : http://villers.uni-trier.de

[3]

M. Bernard : Charles de Villers et l’Allemagne, op. cit., Anm. 1, S. 101.

[4]

C. de Villers : Philosophie de Kantou Principes fondamentaux de la philosophie transcendentale. Metz, Collignon, 1801,Vorrede, S. LXIV.

[5]

C. de Villers : Coup-d’œil sur les universités et le mode d’instruction publique de l’Allemagne protestante. Cassel, Imprimerie Royale, 1808.

[6]

N. Brucker, op. cit., Anm. 2, S. 15.

[7]

C. de Villers : Métaphysicien accusé d’athéisme, in : Le Spectateur du Nord3.10 (1799), 6, S. 385-397.

[8]

C. de Villers : Lettre à Madame la Comtesse F…de B… ; contenant un récit des événemens qui se sont passés à Lübeck dans la journée du jeudi 6 novembre 1806, et les suivantes. Amsterdam, Bureau des Arts et d’Industrie, 1807.

[9]

François Azouvi, Dominique Bourel : De Königsberg à Paris, la réception de Kant en France (1788-1804).Paris, Vrin, 1991. Jean Bonnet : Dékantations. Fonctions idéologiques du kantisme dans le XIXe siècle français. Berne, Lang, Convergences, 2011.

[10]

E. Eggli (Hg.) : L’  « Erotique comparée » de Charles de Villers, 1806. Paris, J. Gamber, 1927.

[11]

C. de Villers : Constitution des trois villes libres-anséatiques, Lübeck, Bremen et Hambourg. Leipzig, Brockhaus, 1814. Ders. : Coup d’œil sur l’état actuel de la littérature ancienne et de l’histoire de l’Allemagne. Rapport fait à la 3eclasse de l’Institut de France. Amsterdam et Paris, 1809.

[12]

N . Brucker, Anm 2. Siehe im selben Werk den Beitrag von H. J. Lüsebrink : « C. de Villers traducteur, médiateur interculturel et auteur traduit », S. 25-41.

[13]

Ruth Ann Crowley : Charles de Villers. Mediator and Comparatist. Berne, Lang, 1978, S. 163.